Mittwoch, 26. April 2023

Das geflickte Herz - ein Märchen

für Erwachsene

  Es war einmal ein König, der lebte mit seiner Frau Gemahlin

auf einer fernen Insel, die sich unter ganzjährigem Sonnenschein

aus einem türkisfarbenen Ozean erhob.

Der König fühlte sich oft einsam, weil seine Frau Gemahlin

sich immer öfter auf lange Reisen in ferne Länder begab.

Als der König sich wieder einmal sehr einsam fühlte,

beschloss er, ein großes Fest zu feiern.

Dazu lud er viele seiner Untertanen sowie eine junge Frau ein,

die ihm schon seit einiger Zeit aufgefallen war.

Sie lebte schon seit vielen Jahren auf der Insel, die

zu ihrer zweiten Heimat geworden war.

Und so begab es sich, dass sie an diesem festlichen Abend

dem König begegnen sollte, der sich auf Anhieb in die

junge Frau verliebte. Nach dem Abendessen führte er sie durch

den weitläufigen Tropengarten, in dem unzählige Zikaden ihr nächtliches

Konzert angestimmt hatten und über dem Abermillionen

Sterne am pechschwarzen Himmel funkelten.

Auch die junge Frau war vom König und seiner Art,

wie er um ihre Gunst warb, angetan.

Später, als er sie um einen Tanz bat und seine Arme um sie legte,

war es auch um ihr Herz geschehen.

Nun verliebte auch sie sich in den König. Von nun an verbrachten

sie sehr viel Zeit miteinander und gingen gemeinsam auf Reisen.

Sie waren so glücklich, wie zwei liebende Menschen

es nur sein konnten. Und weil sie sich so sehr liebten,

schenkte die junge Frau dem König ihr Herz.

 Die Jahre vergingen und sie liebten einander so sehr,

dass sie nie mehr ohne den anderen sein wollten.

Doch dann kam der Tag, an dem die Königin

von der Liebschaft ihres Gemahls erfuhr. In ihrem Zorn unternahm

sie alles, um die beiden Liebenden zu trennen.

Als sie sich wieder einmal auf einer ihrer langen Reisen

befand, drohte sie dem König aus der Ferne, erst dann wieder

zurückzukehren, wenn die junge Frau die Insel verlassen hatte.

Der König litt sehr unter der Vorstellung, seine junge Geliebte

zu verlieren. Doch er wusste, dass er sich nun entweder für sie

oder die Königin und sein Königreich würde entscheiden müssen.

Weil ihm aber auch sein Königreich und seine Untertanen, die

ihn sehr verehrten, am Herzen lag, konnte er sich nicht überwinden,

eine Entscheidung zu treffen.

Er war sehr verzweifelt und das Herz war ihm schwer.

Und so kam es, dass die junge Frau schweren Herzens

eine Entscheidung für ihn traf.

Sie fasste den Entschluss, den König und die Insel, die in all den

Jahren zu ihrer zweiten Heimat geworden war, zu verlassen und

in ihre alte Heimat zurückzukehren.

Sie konnte in dem Augenblick nicht ahnen, dass ihr Herz von

nun an Stück für Stück aus ihrem Körper gerissen wurde.

Und je weiter sie sich von ihrem Geliebten und der Insel entfernte,

desto unerträglicher wurde der Schmerz.

Wie sollte sie ohne Herz weiterleben?

Eine große, tiefe Wunde begann sich aufzutun.

Der Schmerz saß so tief, dass die junge Frau daran zu zerbrechen drohte.

Doch der König weigerte sich, ihr das Herz zurückzugeben.

Er reiste ihr sogar nach und wollte sie zurückholen,

doch sie besaß keine Kraft mehr und sie fürchtete seine Gemahlin

würde ihnen das Leben wieder zur Hölle machen. Das wollte sie nicht

noch einmal erleben. Der König jedoch umklammerte ihr Herz so fest,

dass sie keine Luft mehr bekam und zu ersticken drohte.

Er wollte ohne ihr Herz nicht mehr leben.

Und so geschah es, dass er kaum in sein Königreich zurückgekehrt,

schließlich an seinem eigenen gebrochenen Herzen starb.

Als die junge Frau von seinem Tod erfuhr, drohte auch sie zu sterben,

weil er ihr Herz mit in den Tod genommen hatte.

Dort, wo einst ihr Herz war, hatte er eine große, schmerzende Wunde

hinterlassen, die nicht mehr heilen wollte.

Nun drohte auch sie an gebrochenem Herzen zu sterben, wären ihr nicht

gute Freunde im letzten Moment zu Hilfe geeilt.

Jeder von ihnen schenkte der jungen Frau ein kleines Stück

ihrer eigenen Herzen, sodass aus diesen kleinen Herzstücken

ein neues Herz zusammengeflickt werden konnte.

Und während sich ihr Herz, das sie an den König verloren hatte,

mit seiner Seele auf einer unendlichen Reise durch die

Ewigkeit befand, begann das geflickte Herz wieder ganz

zaghaft zu schlagen.

Die Jahre vergingen. Die vielen kleinen Flicken waren längst

zusammengewachsen und die Wunde verheilt. Nur eine große

Narbe ist zurückgeblieben, die sie für den Rest ihres Lebens

an ihre große Liebe erinnern würde.

Für die einstige Geliebte des Königs jedoch,

hatte ein neues Leben begonnen.

 

Und wenn das geflickte Herz nicht aufgehört hat zu schlagen,

so schlägt es auch noch heute.

 

 

©  Ursula Evelyn 1993


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Schicksal ist, wenn sich zwei Menschen finden,

die sich nie gesucht haben.

(unbekannt)
 
 
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Sonntag, 16. April 2023

Schönheit

 


 

Nur jemand, der weiß, was Schönheit ist,

blickt einen Baum oder die Sterne oder

das funkelnde Wasser

eines Flusses mit völliger Hingabe an, 

und wenn wir wirklich sehen,

 befinden wir uns im Zustand der Liebe.


Krishnamurti


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Foto: Pixabay 

Montag, 10. April 2023

Süßer Hirsebrei

 Es war einmal ein armes frommes Mädchen, das mit seiner Mutter alleine lebte.
Sie hatten nichts mehr zu essen. So ging das Kind in den Wald hinaus, um nach
etwas Essbarem zu suchen. Dort begegnete ihm eine alte Frau, die schon von
seinem Hunger wusste. Sie schenkte dem Mädchen ein Töpfchen, zu dem es
sagen sollte: "Töpfchen, koche!" So kochte das Töpfchen süßen Hirsebrei, und
wenn es sagte: "Töpfchen, steh!" So hörte es wieder auf zu kochen.
 

 
 
Das Mädchen brachte den Topf seiner Mutter heim und von nun an waren sie
ihrer Armut und ihres Hungers entledigt. Sie aßen von dem süßen Brei, wann
immer sie wollten und so viel sie wollten.
 
Für eine Zeit war das Mädchen ausgegangen, da sprach die Mutter:
"Töpfchen, koche!" Da kochte es und die Mutter aß sich satt. Nun will sie,
 dass das Töpfchen wieder aufhören soll zu kochen. Doch sie weiß das Wort
nicht. Also kocht es fort und der Brei steigt über den Rand hinaus. Es kocht
immerzu, die Küche und das ganze Haus voll. Und das zweite Haus und
dann die Straße, als wollte es die ganze Welt satt machen und die größte
Not und kein Mensch weiß sich zu helfen. Endlich, wie nur noch ein Haus
übrig ist, da kommt das Kind heim und spricht nur: "Töpfchen, steh!"
da steht es und hört auf zu kochen; und wer wieder in Stadt wollte, der
musste sich durchessen.
 

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Ein Märchen von den Gebrüder Grimm

Freitag, 7. April 2023

Die Weisheit

 


Kwaku Ananse betrachtete die Welt und kam zum Schluss, dass die Menschen mit
der ihnen von Gott gegebenen Weisheit sehr unüberlegt und verschwenderisch
umgingen. So entschloss sich Kwaku Ananse, die Weisheit einzusammeln und für
spätere Zeiten aufzuheben.

Kwaku Ananse machte sich also auf den Weg durch die Welt und sammelte jedes
kleinste Stückchen Weisheit ein. Er tat sie vorsichtig in einen großen
Kürbis und füllte ihn bis zum Rand. Vorsichtig legte Kwaku Ananse den Deckel
darauf und band ihn gut fest.

Dann begann Kwaku Ananse darüber nachzudenken, wo er den Kürbis mit der
Weisheit aufbewahren könnte. Kwaku Ananse kam zu dem Entschluss, den Kürbis
mit der Weisheit auf die höchste Palme zu tragen und dort zwischen den Zweigen
zu verstecken. Er würde den Kürbis gut festbinden, und dort oben wäre er so
versteckt, dass ihn niemand sehen könnte. Es würde auch niemand annehmen,
dass die ganze Weisheit der Welt sich auf einer Kokospalme befinden könnte.

Kwaku Ananse band sich also den Kürbis vor den Bauch, hing sich ein langes
Seil über die Schulter und begann, langsam die Palme hinaufzuklettern.
Da der Kürbis sehr groß und sehr schwer war, musste sich Kwaku Ananse
ordentlich anstrengen. Vorsichtig setzt er Bein vor Bein und kletterte
die schwankende Palme immer höher. Er merkte plötzlich, dass sich das Band,
mit dem er den Kürbis vor seinem Bauch angebunden hatte, lockerte. So hielt
er den Kürbis mit zwei seiner Arme fest. Nun war das Klettern aber noch
schwieriger geworden. Er entschloss sich, eine Rastpause einzuschalten.

Plötzlich blickte er hinunter zum Fuß der Palme und sah dort seinen jüngsten
Sohn, der sich vor Lachen den Bauch hielt. Da wurde er zornig und rief hinunter:
"Warum lachst Du Deinen Vater aus, der sich so anstrengt, die ganze Weisheit
der Welt in Sicherheit zu bringen, Sohn?"

Da lachte der Junge noch mehr und rief zu Kwaku Ananse hinauf:
"Sage mir, Vater, wenn Du die ganze Weisheit der Welt in Sicherheit bringen
willst, warum trägst Du sie dann vor dem Bauch und nicht auf dem Rücken?
Das wäre doch viel einfacher und bequemer!"

Kwaku Ananse wurde über die frechen Worte seines Sohnes so böse, dass er ohne
zu überlegen einen Arm vom Kürbis nahm, die Hand zur Faust ballte und ihm drohte.

Ehe Kwaku Ananse jedoch noch ein Wort sagen konnte, fühlte er, dass der Kürbis
unter dem Band durch glitt. Mit einem Arm konnte er den Kürbis nicht mehr halten,
und dieser stürzte in die Tiefe. Er prallte auf den harten Boden auf und
zerbrach in tausend Stücke.

Kwaku Ananse blickte wie erstarrt hinunter und sah, wie die ganze Weisheit
der Welt in kleinen Bächen davon floss und begann, langsam in der Erde zu
versickern.

Von allen Seiten kamen die Menschen herbeigelaufen und hielten große und
kleine Holzschalen oder Kürbisse in der Hand. Manche hatten in der Eile auch
nur ein Blatt abgerissen oder auch nur einen Suppenlöffel mitgebracht.

Sie alle versuchten, so viel von der ausfließenden Weisheit zu erwischen,
wie sie nur auffangen konnten. Kwaku Ananse aber, der langsam begann, die Palme
hinunterzuklettern, wusste, dass für ihn selbst kaum ein Restchen übrigbleiben
würde.

So ist es geschehen, dass die Weisheit in der Welt so ungleich verteilt ist.
Die einen haben viel davon und die anderen viel zu wenig.
 
 
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"Es lebte einmal eine weise alte Eule im Wald,
je mehr sie hörte, desto weniger sagte sie,
je weniger sie sagte, desto mehr hörte sie".
Flann O'Brien

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Märchen aus Afrika
 

Sonntag, 2. April 2023

Die letzten Bienen

 Sie schaute sich in ihrem Garten um, in ihrem schönen Garten, in dem
allerlei wuchs und blühte. Viele Bäume, Sträucher, Blumen und ein
bisschen Gemüse hatte sie in all den Jahren angepflanzt sowie einen
Apfelbaum.

 

Doch Bienen konnte sie in den letzten Jahren kaum noch entdecken.
Traurig wandte sie sich an ihren Nachbarn: "Ich kann kaum noch Bienen
entdecken, es werden von Jahr zu Jahr weniger."
"Ach, was nützt alles Jammern", erwiderte der alte Mann, "freuen wir uns
über die Bienen, die noch da sind."
Jedes Jahr freute sie sich über die vielen Blüten an ihrem Apfelbaum und
über die wenigen Bienen, die sie noch an den Blüten entdecken konnte.
Und in jedem Spätsommer freute sie sich über die Apfelernte, die jedoch
inzwischen von Jahr zu Jahr immer geringer ausfiel.
 
Traurig erzählte sie ihrem Nachbarn: "In diesem Jahr fiel die Apfelernte sehr
karg aus. Es sind nicht einmal genug Äpfel, um daraus Apfelmus für den
Winter einzukochen."
"Ach, was nützt alles Jammern", erwiderte er", genießen wir die Äpfel, die
noch da sind."
Als es ein Jahr später gar keine Äpfel mehr zu ernten gab, und sie den Tränen
nahe ihrem Nachbarn davon erzählte, zuckte er nur mit den Schultern:
"Ach, was nützt alles Jammern, genießen wir das, was sonst noch vorhanden
ist."
Äpfel gehörten jetzt nicht mehr dazu. Jedes Jahr wartete sie darauf, dass
die Bienen zurück in ihren Garten kamen, aber sie wartete vergeblich.
Sie hatte gehört, dass die Bienen im ganzen Land vom Aussterben bedroht
waren und darüber war sie sehr traurig.
 
"Wenn die Bienen ganz aussterben, wird es bald im ganzen Land keine
Äpfel mehr geben," gab sie ihrem Nachbarn gegenüber zu bedenken.
Der sah zwar ein, dass das Aussterben der Bienen tragisch war, aber wieder
zuckte er nur mit den Schulter und meinte: "Welchen Sinn ergibt es, darüber
zu jammern? Erfreuen wir uns an dem, was noch da ist."
"Aber bald wird gar nichts mehr da sein, das wir noch ernten könnten",
entgegnete sie ihm leicht verärgert über seine Sorglosigkeit.
"Warum darüber jammern," sagte er "es ist wie es ist".
"Aber die Menschen hätten etwas gegen das Bienensterben unternehmen
müssen", protestierte sie.
"Hätte, hätte...", brummte er im Fortgehen, "dafür ist es jetzt zu spät".
 
Verständnislos sah sie dem alten Mann nach, wie er mit gekrümmtem
Rücken am Ende des Weges abbog und hinter einer Hecke verschwand.
 



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© Ursula Evelyn